DIE 99 NAMEN DER GÖTTIN Ausstellung Freier Eintritt


Die Ausstellung 99 NAMEN DER GÖTTIN der Schweizer Künstlerin Elisabeth Masé widmet sich einer Bedeutungsverschiebung: Was würde passieren, wenn alle 99 traditionell männlichen Namen Gottes eine weibliche Dimension bekämen? Was würde sich durch die weibliche Form verändern? Wann und wo würde die Dichotomie von männlich und weiblich möglicherweise aufhören zu existieren?

Frauen werden seit Jahrhunderten aus einer chauvinistischen und patriarchalen Perspektive betrachtet. Weibliches Denken, Fühlen oder Interagieren und sogar weibliche Sexualität und Spiritualität wurden und werden immer noch zugunsten patriarchaler Strukturen manipuliert.
Weniger bekannt ist, dass vor dem Aufkommen der monotheistischen Religionen der Kult der Göttin vorherrschend war. Mit ihr wurde vor allem die Erde und die Mutter als Lebensspenderinnen in Verbindung gebracht. An der Seite der großen Muttergöttin gab es in zahlreichen Kulturen zahlreiche weibliche Nebengottheiten, die mit Eigenschaften wie kosmischer Energie, zeitloser Schönheit, göttlicher Prophezeiung, feuriger Intelligenz, berauschender Lust, blinder Wut, Gemeinschaftlichkeit und Gerechtigkeit charakterisiert wurden.

Die Geschichte lehrt uns, dass die Verehrung einer vielseitigen, weiblichen Gottheit nicht von Dauer war, zumindest nicht offiziell. Ihre Verehrung wurde zunehmend unterdrückt, verdrängt und mit der Zeit vergessen. An ihre Stelle trat das klassische Rollenspiel von Männern und Frauen, wie wir es noch heute kennen. Glücklicherweise hat sich seit dem letzten Jahrhundert
die Situation der Frauen in Teilen der Welt politisch verbessert. Man bemüht sich um Gleichberechtigung und Gleichbehandlung. Trotz dieser Notwendigkeit wird der existentiell weibliche Aspekt der Schöpfung wenig beachtet.
Elisabeth Masé untersucht in ihrer Werkgruppe diesen philosophischen und kulturanthropologischen Aspekt. Sie will an eine ursprüngliche spirituelle Weiblichkeit erinnern, sie denkt über ungenutzte Potentiale weiblicher Energie nach und möchte damit unsere Vorstellungskraft beeinflussen.
Eine mögliche politische Aussage dabei wird dem Betrachter überlassen. Ihre neuen Göttinnen wollen in erster Linie inspirieren und nicht belehren.

Im hinteren Teil der Galerie ist ein dunkleres Werk der Schweizer Künstlerin ausgestellt: Eine Serie von Aquarellen auf schwarzem Papier, Capriccios von "Bräuten" in unterschiedlichen, zum Teil beunruhigenden Zuständen und Situationen. Einige der Bräute sind lustig, andere verstört und gar aggressiv. Aufgrund des emotionalen Unbehagens, das sie auslösen, können diese Werke durchaus gesellschaftspolitisch interpretiert werden. Elisabeth Masé triggert damit einen heiligen Kardinalpunkt der Gesellschaft: die Ehe. Sie unterwandert die konventionelle, zum Teil verkitschte „Traumhochzeit“ und legt die zum Teil politisch erzeugten, dramatischen Abgründe einer Paarung in nicht gleichberechtigten Gesellschaften frei. Eine unfreie, von Verwandten, Eltern oder aus religiösen und politischen Gründen erzwungene Brautwahl gebiert Monster. Trotzdem appelliert Elisabeth Masé ganz klar an Menschlichkeit, an Fähigkeiten zur Erlösung, zur Empathie und Emanzipation. An eine menschliche Evolution, die durch ein spirituelles, sexuelles und gesellschaftspolitisches Gleichgewicht erreicht werden kann.

Biographie

Elisabeth Masé ist eine multidisziplinär arbeitende bildende Künstlerin und Autorin. Sie ist Malerin und Zeichnerin, fotografiert, stellt Objekte her, entwirft Räume und Architekturen, produziert Filme und entwickelt als Dramaturgin, Regisseurin und Szenografin künstlerische Konzepte für und mit einer internationalen Tanzkompanie. Seit 2016 realisiert sie partizipative Kunstprojekte in Europa, Westafrika und den USA. Sie studierte an der Basler Hochschule für Gestaltung und Kunst, HGK/FHNW und war dort von 1984 bis 1997 Dozentin für Malerei und Zeichnung. 1994 lehrte sie als Gastprofessorin an der staatlichen Kunstakademie in Oslo. Seit 1996 lebt und arbeitet sie in Deutschland, seit 2012 in Berlin. Sie stellte in Europa und den USA in namhaften Museen und Kunstvereinen aus, u.a. Kunsthalle Palazzo in Liestal, Halle Sud in Genf; Kunsthalle Basel; Musée d’Art et d’Histoire, Neuchâtel; Kunsthalle Bielefeld und Bielefelder Kunstverein; MARTa Kapelle und Museum MARTa, Herford; Kunstverein Synagoge, Oerlingshausen, Kunstverein Moabit/Galerie Nord sowie Kunstquartier Bethanien, Berlin; Kunstverein Trieste Contemporanea, Triest, IT; Herbert F. Johnson Museum of Art, Ithaca, New York, USA. Zu ihren Werken im öffentlichen Raum gehören „Les Cours Etoilées“ in der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Neuchâtel (mit Simon Rösch, Architekt), „Der Morgen“ im Bielefelder Kunstverein, Museum Waldhof (mit Andreas Wannenmacher, Architekt), und der „Raum der Stille“ in der Capella Hospitalis (mit BHP Architekten) in Bielefeld. Seit 1992 hat Elisabeth Masé bibliophile Bücher und grafische Editionen u.a. im Verlag Kleinheinrich, Münster, publiziert; 2021 erschien ihr Roman „Das schlafende Krokodil“. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen wie den “Swiss Award” und den “Manor Kunstpreis” sowie das Stipendium an der Cité Internationale des Arts in Paris. Ihre Gemälde, Objekte und Papierarbeiten befinden sich in öffentlichen und privaten Kunstsammlungen in Deutschland, der Schweiz, Italien und den USA. Sie ist Mitglied der Schweizer Pro Litteris, des BBK und des Vereins der Berliner Künstlerinnen 1867.

Die Göttinnen
Ein Gespräch zwischen Elisabeth Masé und Thomas Kellein

Was ist denn eine „New Goddess“?

Es geht mir um die Schaffung weiblicher, neuer Ikonen. Ich benutze den Begriff „Göttin“, weil der Begriff „Gott“ männlich konnotiert ist. Wir Frauen, es handelt sich immerhin um die Hälfte der Menschheit, können uns innerhalb der monotheistisch ausgerichteten Religionen bislang nur mit einem männlich definierten „Gott“ identifizieren. Das schwächt unser Selbstwertgefühl. Ein Götterbild ist eine Art Über-Ich. Es sind durch und durch männliche, göttliche Über-Ichs, die unsere Welt prägen oder prägen sollen. Das möchte ich ändern.

Was sind die Eigenschaften einer weiblichen Göttin?
Eine weibliche Göttin hat Kraft. Sie verkörpert für mich die sehr ursprüngliche Wucht. Nicht im Sinn von Muskelkraft, sondern im Sinne von Wachstum, Schutz und Präsenz. Die Qualität dieser Präsenz kann auch negativ sein. Meine gemalten Göttinnen sind nicht immer liebevoll und schön, sie können auch grotesk, aggressiv oder melancholisch sein. Ich verstehe ihre Wucht im Sinne einer Disruption. Wir alle müssen mit positiven und negativen Energien zurechtkommen, um zu überleben. Auch das Zerstörerische kann reinigend sein und Voraussetzungen für Neues schaffen.

Was würde durch das Bild der „Göttin“ verändert?
Die Mutter hat für das Kind immer etwas Überwältigendes, egal ob es männlich oder weiblich ist. Als Embryo entwickeln wir uns im Mutterleib, werden hier ernährt und durch die Geburt ins Leben hinausgestoßen. Der Mutterleib ist unser erster Erfahrungsraum. Wir sind ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Das Männliche, der Vater, kommt in gestalterischem Sinn deutlich später, nicht einmal unmittelbar nach der Geburt. Trotz dieser sehr existentiellen Erfahrung einer weiblichen „Urwucht“
wird in allen führenden Weltreligionen das Männliche über das Weibliche gestellt. Warum haben wir zu „Gott Vater“, „Gottes Sohn“ und zum „Heiligen Geist“ zu beten? Was ist mit der göttlichen „Mutter“, ihrer Tochter und einer bislang vielleicht unerkannten „heiligen Schöpferin“ passiert? Was wurde hier in vielen Kulturen verdreht? Aus meiner Sicht leben wir kulturell und gesellschaftlich mit absurden, männlich konnotierten Konstruktionen, nämlich der inzwischen in Frage gestellten Herrschaft des Patriarchats. Bereits im Wort „Herrschaft“ steckt das Wort „Herr“ und eine verabsolutierte Tätigkeit, indem nur der „Herr schafft“. Nicht die Frau. Es geht implizit um die andauernde Tyrannei über die Frau, um ein gesellschaftliches System, das fast unauflösbar mit Einschüchterung arbeitet, das Frauen über Jahrtausende ausbeutet und unterdrückt. Das erzeugt bekanntlich Stress mit kriegstreibenden Folgen. Das fatale Missverhältnis zwischen „Herrschaft“, „Herr schafft“ und „Mutterschaft“, die als passiv gedeutet wird, kennen wir eigentlich alle. Die „Mutter schafft“, das ist noch immer mit Hausarbeit und Windeln wechseln konnotiert. Das sollten wir korrigieren.

Was bewirkt eine solche Korrektur?
Meine Empfindung verändert sich, wenn ich mir eine „Göttin“ anstelle eines „Gottes“ vorstelle. Wenn ich an „die Allmächtige“ anstelle „des Allmächtigen“ denke. Beim männlich konnotierten Gott geht es um ein distanziertes, allwissendes, hoch oben thronendes Wesen, das mich prüft und über einen überwiegend männlichen Klerus zurechtweist und nötigenfalls bestraft. Wenn ich hingegen an „die Allmächtige“ denke, empfinde ich persönlich eine kosmische Weite, die mich aus allen Richtungen,
nicht nur von oben, umfasst. „Der Allmächtige“ blickt prüfend auf mich herab – „die Allmächtige“ hingegen ummantelt mich und lässt mich eintauchen.

Was würde durch die von Dir angedachte Veränderung besser?
Ich will werten und in die Kultur eingreifen, aber ich denke klar, dass wir immer beides brauchen: Das Männliche und das Weibliche, Anode und Kathode, Sender und Empfänger. Das Leben und der Austausch von Energie sind anders nicht möglich. Ich möchte jedoch die ursprüngliche Reihenfolge wieder herstellen. Die Frau, nicht der Mann ist das aufnehmende Gefäß, um Leben zu schaffen. Sie ist die Göttin, die einen nicht immer nur männlichen Gott bedingt. Auch er ist aus ihr heraus geboren.
Eine Gesellschaft, die das Weibliche als „Basis“ und „Urkraft“ anerkennen und entsprechend ehren würde, wäre aus meiner Sicht glücklicher, lustvoller und sinnlicher. Das klingt so, als würde hier mehr als ein neuer Biologismus etabliert.
Die „Mutterschaft“ ist als Anfang unumgänglich. Die sich anschließende „Herrschaft“ und das dann scheinbar ewig gültige „Herr schafft“ brauchen wir nicht wirklich. Letzteres erzeugt bekanntlich Ausbeutung und Krieg. Deshalb ist mein „Ur-Gott“ eine „Göttin“. Ich möchte sie im kulturellen Bewusstsein und auch sozial gerne ganz vorn, an den Anfang stellen, in ihrer ganzen Ambivalenz und Komplexität.

Was würde passieren, wenn man eine solche Verehrung des Ursprungs sozial etablieren könnte?
Es gäbe dann weniger Autos und mehr Sex.


Weitere Infos: www.luisacatucci.com


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