Interview mit Jan Gympel von Berlin-Film-Katalog einem Datenbankprojekt über Berlin-Filme


Was ist die Idee bzw. das Anliegen von Berlin-Film-Katalog?

Bei meiner Arbeit als Freier Journalist, u.a. für „Zitty“, habe ich ständig das Berliner Kinoprogramm im Blick, insbesondere das Angebot jenseits der aktuellen Erstaufführungen. Dabei fiel mir im Laufe der Zeit auf: Viele ältere Berlin-Filme, die ich in den achtziger, neunziger Jahren in Kinos sehen konnte, werden nicht mehr oder nur noch sehr selten gezeigt. Im Fernsehen tauchen sie ebensowenig auf. Geht es um Berlin, laufen immer wieder die gleichen Arbeiten: Ruttmanns „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“, die erste „Berlin Alexanderplatz“-Adaption von 1931, die im gleichen Jahr entstandene erste Filmversion von „Emil und die Detektive“, dann „Die Mörder sind unter uns“, „Die Halbstarken“, „Berlin – Ecke Schönhauser“, „Eins, zwei, drei“, „Die Legende von Paul und Paula“, „Der Himmel über Berlin“, vielleicht noch „Berlin Chamissoplatz“ und „Good bye, Lenin!“ sowie ein paar wenige andere. Mittlerweile ist da ein regelrechter Kanon entstanden, der rauf und runter gezeigt wird. Gegen all diese Arbeiten ist gar nichts zu sagen. Aber: Es gibt noch viel mehr Berlin-Filme, auch filmhistorisch bedeutende oder solche, die das Bild der Stadt zumindest eine Zeitlang geprägt haben. Sie drohen allmählich in Vergessenheit zu geraten.  Außerdem habe ich bei meiner journalistischen Arbeit festgestellt, wie überraschend wenig Informationen über Berlin-Filme es gibt, weder in gedruckter Form noch im Internet, wo gern voneinander abgeschrieben wird – und zwar auch die Fehler. Diese Lücke soll Berlin-Film-Katalog füllen: Als Internet-Datenbank, weil man diese – im Gegensatz zu einem Buch – ständig aktualisieren, ergänzen, korrigieren kann, weil so die Informationen am einfachsten und schnellsten verfügbar sind und auch eine Mitarbeit von Nutzern möglich ist. Ganz wichtig: Die Datenbank soll kostenlos nutzbar und verläßlich recherchiert sein. Letzteres heißt: Es sollen nicht wieder alle möglichen Angaben irgendwo abgeschrieben werden. Als wichtigste Quelle für Stabangaben dient der originale Vor- bzw. Abspann eines Films. Und: Woher die Angaben stammen, wird jeweils angegeben. Jeden Monat im Brotfabrikkino eine Berlin-Film-Rarität zu präsentieren, dient schließlich zwei Zielen: Auf das Projekt aufmerksam zu machen und eben ein klein wenig etwas gegen die Verödung des Berlin-Film-Angebots in den Berliner Kinos zu tun.

Wo kann man die Raritäten sehen?

Mindestens am zweiten Montag eines jeden Monats – da gibt es dann eine kurze Einführung und manchmal auch Gäste wie den Regisseur oder Darsteller des gezeigten Films. Die Rarität läuft in der Regel auch noch an einigen anderen Tagen. Im Dezember ist deshalb Edwin Brienens Tragikomödie „Warum Ulli sich am Weihnachtsabend umbringen wollte“ nicht nur am 9.12. um 19.30 Uhr zu sehen, sondern auch vom 12.-15.12. um 22 Uhr. Alles stets im Brotfabrikkino am Weißenseer Caligariplatz, neben der Kreuzung Prenzlauer Allee/Ostseestraße, direkt an der Grenze zu Prenzlauer Berg. Genaueres gibt es auf der Website www.berlin-film-katalog.de, wo man neben Angaben zur aktuellen Berlin-Film-Rarität auch die Berlin-Film-Liste und Informationen über alle bisher gezeigten Raritäten findet.

Wer steht hinter der Datenbank?

Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen, seit dreißig Jahren als Journalist und Buchautor tätig und habe mich in letzter Zeit zunehmend auf filmhistorische Recherchen verlegt. Ich habe Monographien über das Filmschaffen von Will Tremper und Dagmar Beiersdorf herausgebracht und beschäftige mich momentan mit Hansjürgen Pohland, Uwe Frießner und – immer noch – mit Lothar Lambert. Alle fünf sind übrigens Berliner oder haben einen großen Teil ihres Lebens in Berlin gebracht und hier die meisten ihrer Filme gedreht.  Das Projekt Berlin-Film-Katalog habe ich mehr oder weniger im Alleingang angeschoben und in den Leuten von der Weißenseer Brotfabrik, allen voran dem Leiter des dortigen Kinos Claus Löser, sofort freundliche und tatkräftige Unterstützer gefunden. Darüber hinaus gibt es noch ein paar mehr oder minder feste Mitstreiter. Im Moment gehen die Planungen dahin, dem Projekt eine zumindest vorläufige juristische Form zu geben, indem es der Trägerverein der Brotfabrik unter seine Fittiche nimmt.

Seit wann gibt es die Film-Datenbank „Berlin-Film-Katalog“ im Internet?

Die Datenbank gibt es leider noch gar nicht. Aber es gibt einen Internetaufritt, wo das Projekt der Datenbank vorgestellt wird, und zwar seit Frühjahr 2012. Dort findet man unter anderem eine Liste von Filmen, die in die Datenbank aufgenommen werden sollen: Solche, die in Berlin spielen und/oder solche, die erkennbar (also nicht nur in irgendeinem Studio) in Berlin gedreht wurden. Ergänzungen und Korrekturen an dieser Liste kann jeder vorschlagen.

Welche Filme sind bei Euch vertreten?

Auf der Liste stehen wie gesagt alle Filme, die in Berlin spielen oder erkennbar in Berlin gedreht worden sind. Das sind die beiden einzigen Kriterien. Es können auch Fernsehproduktionen sein, da ich die traditionelle Unterscheidung „Kino-/Fernsehfilm“ mittlerweile für hinfällig halte. Noch nicht geklärt ist, ob man auch Serien berücksichtigen sollte. Und: Ab wie vielen Folgen ist ein Mehrteiler eine Miniserie?  Die Auswahl der monatlichen Berlin-Film-Rarität richtet sich natürlich danach, ob die Filme überhaupt verfügbar sind, und wenn, dann zu welchen Konditionen. Angestrebt wird selbstverständlich ein möglichst vielfältiges Angebot: Verschiedene Jahrzehnte, Ost und West, Spielfilme und Dokumentationen, unterschiedlichste Genres usw.

Welches sind die absoluten Lieblingsfilme, die auf Berlin-Film-Katalog zu finden sind?

Da möchte ich eigentlich nicht über meine persönlichen Favoriten plaudern, sondern lieber über das, was von den Berlin-Film-Raritäten besonders viele Zuschauer hatte. Überraschenderweise waren das zum Beispiel Dokumentationen: „Gedächtnis – Ein Film für Curt Bois und Bernhard Minetti“ von Bruno Ganz und Otto Sander, den wir im August 2012 präsentierten, oder Günter Jordans „Berlin – Auguststraße“, der die Gegend um die Oranienburger Straße anno 1979 zeigt und im Juli 2013 für ein volles Haus sorgte. Leider ist die Publikumsresonanz, wie auch ich inzwischen lernen mußte, völlig unkalkulierbar: Diesen September boten wir mit Helmut Wietz’ „Plastikfieber“ von 1979/80 eine absolute Rarität, eine schräge Komödie mit Otto Sander und Romy Haag in den Hauptrollen, ewig nicht im Fernsehen gelaufen, im Kino auch nur ganz selten, nicht auf DVD oder VHS erhältlich, es gab relativ viele Hinweise darauf in den Medien – aber nur wenige Zuschauer.
Mahe

Dieser Beitrag wurde unter c- Besprechungen, Interview, g- Sparten, x-Pankow, y-Medien abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Interview mit Jan Gympel von Berlin-Film-Katalog einem Datenbankprojekt über Berlin-Filme

  1. regina sommerfeld sagt:

    Hallo,
    ich bin begeistert von der Idee „Berlin-Film-Katalog“
    Es wäre auch zu klären, wie weit es ein “ Berlinfilm“ ist, wenn ein großer Teil der Drehorte außerhalb sich befindet.
    Oder sollen mindestens 50% in Berlin spielen? U.s.w.
    Mit den Serien habe ich gelesen, das man sich da noch nicht einig ist. Es gibt ja viele Polizeirufe 110 die in Berlin spielen.
    Schön finde ich es, das man mitarbeiten kann.
    Z.B. bei Solo Sunny 1980, konnte ich die Dreharbeiten mit beobachten…aber außerhalb von Berlin.
    Ich freue mich schon auf weitere Neuigkeiten zum Projekt !!!

    Mit freundlichen Grüßen
    Regina

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.