Peter Gößwein

¡aktionspracheton!

„Ich habe ein großes Mißtrauen zu Leuten, die von sich sagen, sie seien so und so, im guten und im bösen. Aber wenn sie anfangen zu erzählen, wenn sie von sich erzählen - man kann ja anfangen, von sich zu erzählen - und dann beiläufig auf dies und das und auf diesen und jenen kommen, dann sehe ich viel mehr, wie sie sind. Und dann spürt der, der es erzählt auch viel besser, wer er ist; indem er von sich absieht, von den Definitionen, was er ist und wie er ist und was er getan hat.“
Peter Handke in einem Gespräch mit Peter Hamm

¡ aktionspracheton ! (AST) steht für drei Elemente der darstellenden Kunst: Geste, Wort und Klang. Unter diesem Label initiiere und produziere ich mit wechselnden Partnern Projekte, die das Zusammenspiel von Aktion/Geste-Sprache-Ton in immer neuen Konstellationen umkreisen und untersuchen: Ich betrachte mich als darstellenden Künstler, der mit Aktionen, Sprache und Tönen etwas in Form einer theatralische Erzählung zur Darstellung bringt. Ich begann mit Erzähltheater für Kinder, woraus sich verschiedenartige Kombinationen von Erzählung mit heterogenen Musikstilen für vielfältige Anlässe an verschiedenen Orten entwickelten, von Konzertformen bis zu künstlerischen Interventionen bei wissenschaftlichen Veranstaltungen. In jüngster Zeit kommen Projekte wie „Grimm. Erzähl!Kunst aus Berlin“ dazu, die die Geste in Form von Zeichnung einbeziehen.

Ich interessiere mich auch für Inhalte, die sich einer Darstellung zu entziehen scheinen, wie beispielsweise das Thema Kunststofferzeugung in der Reihe Brücken, Rahmen, Zwischenräume. Sechs musikalisch-literarische Interventionen zu den öffentlichen Vorlesungen der Technikwissenschaftlichen Klasse der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Oder ich untersuche die Grenzbereiche dessen, wie man heute erzählen soll, in meiner Recherche „Kitsch und Pathos, wie schön!“

Ein wiederkehrendes Element in meiner Arbeit ist die Auseinandersetzung mit Märchen und Mythen. Meine jüngsten Arbeiten beschäftigen sich mit den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Märchen und Mythen sind mehrdeutig. Die ineinander verwobenen Bedeutungsebenen machen ihre Schönheit und Wirkung aus. Diese komplexen Geschichten zur Darstellung zu bringen, reizt mich sehr. Dabei stellt sich die Frage, wie sich diese Texte darstellen lassen, ohne eindeutig zu werden. Was heißt in diesem Zusammenhang Bedeutung? Wo ist ihre Grenze? Was ist dahinter? Wann wird eine Bewegung zur Geste und somit zum Zeichen? Wo ist der Übergang zwischen Geräusch und musikalischen Phrase? Was macht Laute zu einer Mitteilung? Wie lassen sich sowohl Bedeutung als auch Gestaltlosigkeit dem darstellerischen Prozess zunutze zu machen, und sind nicht gerade diese Übergänge reizvoll, um (k)eine Geschichte zu erzählen?

Peter Gößwein

Sparten: Musiktheater